Erneut mehr Gewalt gegen Frauen
22. November 2025
Dobrindt: „Da muss deutlich mehr kommen!“

Die Zahlen der polizeilichen Kriminalstatik (PKS) zur häuslichen Gewalt des letzten Jahres gab das Bundeskriminalamt (BKA) in seinem „Bundeslagebild Häusliche Gewalt 2024“ einschließlich „Geschlechtsspezifisch gegen Frauen gerichtete Straftaten 2024“ und in einer Pressekonferenz bekannt. Die Zahlen stellten am 21. November der Bundesinnenminister Alexander Dobrindt, die Bundesfamilienministerin Karin Brien und der Präsident des BKA Holger Münch vor.
Die Opfer häuslicher Gewalt sind gegenüber 2023 um 3,8 % gestiegen. Die wichtigsten Fakten:
– 265.942 Opfer häuslicher Gewalt, der überwiegende Teil davon im Bereich der Partnerschaftsgewalt, davon 80 % weibliche Opfer. 17,8 % mehr als 2022:
– 171.069 Opfer von „Partnerschaftsgewalt“, davon 79,3 % weibliche Opfer (135.713) und
– 94.873 Opfer „Innerfamiliärer Gewalt“ (83.864 Fälle, davon 130 Tötungen, 71 männlich, 59 weiblich), davon 54,2 weibliche Opfer (bei Kinder Jungs und Mädchen in etwa „ausgewogen“)
– 53.451 weibliche Opfer von Sexualdelikten (täglich 146 Betroffene am Tag).18,8 % Anstieg gegenüber 2023: Vergewaltigung, sexuelle Übergriffe und sexuelle Nötigung. Knapp die Hälfte davon war minderjährig.
– Stündlich werden 15 Frauen Opfer von Partnerschaftsgewalt
– 859 Frauen und Mädchen wurden Opfer von versuchten oder vollendeten Tötungsdelikten,308 wurden getötet
– 558 frauenfeindliche Straftaten (+ 73,3 %).
Bei der geschlechtsspezifischen Gewalt gegen Frauen gibt es insgesamt einen deutlichen Anstieg zu verzeichnen, deutlich stärker als bei der Gesamtkriminalität.
Hellfeld Partnerschaftsgewalt noch unter 5 %
Diese erschreckenden Zahlen beleuchten leider noch kein Dunkelfeld. Die neue Dunkelfeldstudie „LeSuBiA“, die in diesem Jahr erscheinen sollte, wird gerade ausgewertet und wird in ein paar Monaten erwartet. Die Anzeigequote laut der noch nicht veröffentlichten Studie bei Partnerschafts-, sexueller und digitaler Gewalt liege unter 10 %, bei der Partnerschaftsgewalt sogar unter 5 %. Dies zeigt, wie erschreckend das Problem insgesamt ist. Gewalterfahrungen sind bei Frauen nicht nur höher, auch ihre Frequenz: Rund ein Viertel der Frauen sind mehrfach betroffen. Dobrindt: Die Ausprägung, dass sie das Hellfeld unter 5 % sehen, gehe über das Erwartbare hinaus. BKA-Chef verspricht konsequente Verfolgung der Täter! Uns macht traurig, dass die Realität leider häufig die ist, dass die wenigen Anzeigen mutiger Frauen häufig eingestellt werden.
Bekämpfung gesamtgesellschaftliche Aufgabe
Der Familienministerin war wichtig darauf hinzuweisen, dass die Bekämpfung von Gewalt an Frauen eine gesamtgesellschaftliche Aufgabe ist und spricht von einer engen Zusammenarbeit „aller“ in puncto Gewaltschutzstrategie. Vertrauliche Spurensicherung sei ein Punkt davon, dafür würden jetzt überall Zentren entstehen. Sie und Dobrindt treten zusammen dafür an. Das Gewalthilfegesetz, das 2027 in Kraft tritt, aber erst 2032 von den Ländern umgesetzt sein muss, bezeichnet sie als einen Meilenstein. Die Länder werden verpflichtet ausreichende Beratungs- und Frauenhausplätze vorzuhalten, ab 2032 gäbe es dann einen individuellen Rechtsanspruch auf Hilfe für Frauen. Der Bund unterstütze die Länder mit insgesamt 2,6 Milliarden Euro. Damit stelle sich Deutschland an die Spitze in Europa. „Wir machen aber mehr als das“, versichert sie. „Wir haben über das Parlament – soweit die 2. und 3. Lesung das bestätigt, wovon ich ausgehe – zusätzliche Mittel zur Sanierung und zum Bau von Frauenhäusern zur Finanzierung bereitstellen könnten. Da werden noch einmal 150 Millionen für die nächsten vier Jahre zur Verfügung gestellt.“ Sehr gut: Im Zuge des Gewaltschutzgesetzes werde auch die Täterarbeit verstärkt.
Fußfessel nach spanischem Vorbild
Das so genannte spanische Modell, das ins Gewaltschutzgesetz aufgenommen wird, habe zur deutlichen Reduzierung von Tötungsdelikten geführt. Weil es einerseits die Fußfessel für den Täter beinhalte, erklärt Dobrindt, andererseits aber auch den Sender für das Opfer. Der Schutzraum für das Opfer, den die Täter nicht bestimmten dürften, könnte nicht nur die eigenen vier Wände sein. Die Opfer müssen sich da frei bewegen können und wollen, wo sie das gerne tun, und der Schutzraum muss in unserer Gesellschaft da entstehen, wo sich Frauen frei bewegen wollen. Das spanische Modell ermögliche das. Weil Frauen durch den Sender frühzeitig gewarnt werden, wenn Täter sich nähern.
Gewalt gegen Männer
Die Ministerin: In dieser Legislatur werden sie sich auch mit dem Thema „Häusliche Gewalt gegen Männer“ beschäftigen. Denn das sei inzwischen auch mehr als ein Randphänomen. Das betrifft rund 30 % der Fälle. Auf der europäischen Ebene hätten sie den Auftrag verabredet, sich mehr um den Schutz von betroffenen Männern zu kümmern. Sie sprach über mehr Prävention, unter anderen in Schulen und Kindergärten, was andere europäische Länder bereits nutzen würden. „Die Entwicklung ist so dramatisch, dass wir schon sehr früh anfangen müssten, gesellschaftlich ein Bewusstsein dafür zu schaffen, dass Gewalt gegen Frauen, Gewalt gegen den Partner, keine Option ist, und zwar nie!“
Das Wort Femizide
Zu dem Wort „Femizide“ gibt es noch keine eindeutige Begriffsdefinition, das soll bald nachgeholt werden. Dazu haben sich laut BKA-Präsident Münch wegen der hohen Präsenz des Themas das Bundeskriminalamt und die Landeskriminalämter für das Frühjahr 2026 verabredet. Anschließend sollen Femizide auch konkret in der PKS erfasst werden. Das Motiv zur Tötung wird bisher nur bei politisch motivierten Straftaten erfasst. Münch beklagt auch den starken Anstieg der Hasskriminalität, einem Thema der politisch motivierten Kriminalität: 558 frauenfeindliche Straftaten wurden im letzten Jahr erfasst, das ist eine Steigerung von 73,3 %. Knapp der Hälfte davon sind Beleidigungen, aber eben auch 39 Gewaltdelikte. Die Mehrheit der Tatverdächtigen ist auch männlich und in der Regel über 30 Jahre alt.
Siehe dazu auch https://uni-tuebingen.de/fakultaeten/juristische-fakultaet/forschung/institute-und-forschungsstellen/institut-fuer-kriminologie/forschung/gewaltkriminalitaet/femizide-in-deutschland/ und https://taz.de/Neue-Studie-ueber-Femizide/!6126578/
Digitale Gewalt
Digitaler Gewalt kommt auch eine stärkere Relevanz zu. Auch hier sind Frauen stärker betroffen als Männer, etwa zwei Drittel der Opfer sind weiblich, führt Münch aus. Das betrifft Cyberstalking und Onlinebedrohung im Besonderen. Die psychischen und sozialen Auswirkungen von Gewalt, auch rein digitaler, seien gravierend.
Patriarchale Gewalt
Ein Journalist erwähnt, dass Gewalt gegen Frauen ja nicht nur individuell begründet ist, sondern oft auch auf struktureller Ebene. Demzufolge könne ein patriarchal geprägtes Frauenbild Gewalt gegen Frauen erleichtern. Und möchte gerne wissen, inwiefern die in den letzten Jahren verstärkte Zuwanderung von Menschen aus ebensolchen Kulturkreisen zu dieser Entwicklung beigetragen haben kann und was wir als Gesellschaft tun können, um den Negativtrend zu stoppen. Der Polizeichef bestätigte die „These“ des Fragenden. Das spiele auch bei dem Thema Prävention eine große Rolle. In den letzten drei Jahren sei eine Verschiebung in der Bevölkerung zu sehen, was die Rückkehr zu einem eher patriarchalen Frauenbild angeht. Das betreffe übrigens auch Deutsche und sei ein weiterer Risikofaktor, bei dem man auch ansetzen müsse, wenn Gleichheit der Geschlechter zunehmend hinterfragt werde, auch bei jungen Menschen. Er räumt ein, dass dieses Denken offensichtlich bei Zugewanderten ausgeprägter der Fall sei, wie man an den Zahlen ja auch ablesen könne. Die Frauenministerin spricht von weiterer Beobachtung des Phänomens und betont dabei auch die Tendenz dazu aus Nicht-Zugewanderten. Sie möchte in der Prävention auch zielgruppenspezifisch vorgehen. Egal, ob Gewalt auf Rollenbilder, die aus Herkunftsstaaten und möglicherweise auch auf religiöse Gründe zurückzuführen sei, müssten sie auch ansetzen in der Prävention. Und dort, wo es eher von einem reaktionärem oder rechtsextremem Rollenverständnis herrührt, müssen sie ebenfalls spezifisch ansetzen. Man müsse alles auf den Tisch legen und offen benennen und dann bearbeiten. Und zwar ohne Schaum vorm Mund. Dobrindt hält nochmal fest, dass 37 % der Tatverdächtigen nicht deutsch sind. (Problematisch an diesen Zahlen ist, dass Täter auch bei doppelter Staatsbürgerschaft als Deutsche in der Statistik geführt werden.) Der Anstieg bei Deutschen betrage nur 0,9 %, während der Anstieg bei nicht-deutschen Tatverdächtigen 2,4 % ausmache. Der Fragesteller erhielt nur ausweichende Antworten.
„K.o.-Tropfen sind K.o.-Waffen“
Dobrindt berichtet, die Regierung möchte stärker gegen das „perfideste, niederträchtigste Tatmittel“ vorgehen, nämlich gegen den Einsatz von K.o.-Tropfen. Damit seien häufig sexuelle Straftaten verbunden. Da die beim Einsatz zu einer Waffe werden, müssten sie auch als solche betrachtet und bei der Strafverfolgung wie eine Waffe behandelt werden. „K.o.-Tropfen sind K.o.-Waffen.“ Und wer diese einsetze, müsse auch bei der Strafverfolgung wie bei einem Einsatz mit einer Waffe entsprechend beurteilt und verurteilt werden.
Tarn-App
Bei der Aufstellung des Bundeshaushaltes 2026 sei dafür gesorgt, dass das Bundesinnenministerium die notwendigen finanziellen Mittel erhält, um die so genannte Tarn-App weiter zu finanzieren. Sie soll von häuslicher Gewalt betroffenen Frauen ermöglichen, Gewalttaten (z. B. Fotos) gerichtsfest für spätere Gerichtsverhandlungen und für die Polizei zu dokumentieren. „Tarn-App“ deshalb, weil sie auf dem Handy nicht als Dokumentationsapp identifiziert werden kann.
Gleich zu Beginn der Pressekonferenz wusste Dobrindt, dass die Politik noch zu wenig gegen Gewalt an Frauen tue. „Da muss deutlich mehr kommen.“ Einig darüber sei er sich auch mit der Bundesjustizministerin Stefanie Hubich.
Perlenschatz freut sich auf das „Mehr“!
Quellen: https://www.bka.de/DE/AktuelleInformationen/StatistikenLagebilder/Lagebilder/HaeuslicheGewalt/haeuslicheGewalt_node.html
https://www.bka.de/SharedDocs/Kurzmeldungen/DE/Kurzmeldungen/251121_BLB_HaeuslicheGewalt2024.html
https://www.bka.de/DE/Presse/Listenseite_Pressemitteilungen/2025/Presse2025/251121_PM_BLB_HG_StraftatengegenFrauen2024.html?nn=27906
https://www.haeusliche-gewalt-2024/phoenix/Y3JpZDovL3Bob2VuaXguZGUvNTE1MjI0Mg
https://www.bmi.bund.de/SharedDocs/pressemitteilungen/DE/2025/11/StraftatengegenFrauen2024.html